Zugang nur für Befugte
Jedes EVZ besteht aus zwei klar getrennten Bereichen: den Büros für die Administration und den Räumlichkeiten für die Unterbringung von 200 bis 300 Personen. Die Administration untersteht direkt dem BFM, das für die Leitung des Zentrums sowie die gesamte Durchführung des Asylverfahrens zuständig ist und zwar von der Registrierung des Asylantrags bis zur Mitteilung des Asylentscheids. Für den Wohnbereich hat das BFM zwei Privatunternehmen beauftragt.
Die Firma ORS Service AG (Organisation für Regie - und Spezialaufträge) betreut die Asylsuchende während ihres Aufenthalts. Sie übernimmt Reinigungsarbeiten, unterhält eine Krankenstation und stellt die Mahlzeiten bereit. Das Zürcher Unternehmen expandiert zurzeit stark und hat vor kurzem die Verwaltung der kantonalen Zentren für Asylsuchende in Solothurn und in Freiburg übernommen. Zuvor sind die Caritas und das Rote Kreuz während 25 Jahren für diese Aufgaben zuständig gewesen. Die Firma Securitas AG, die 2007 ihren 100. Jahrestag feiern konnte, ist für die Sicherheit, die Registrierung der Neuankömmlinge, für Durchsuchungen und für die Ausgangs-kontrolle zuständig.
Nach zähen Verhandlungen haben das BFM und die verschiedenen Schweizer Kirchen 2002 ein Rahmenabkommen unterzeichnet, demzufolge abwechselnd ein katholischer und ein protestantischer Geistlicher in den EVZ präsent sind. Die Schweizer Hilfswerke haben auf ähnliche Weise durchgesetzt, dass seit 40 Jahren bei allen Anhörungen, in denen Fragen zu den Asylgründen gestellt werden, ein/e externe/r BeobachterIn anwesend sein muss.
Die EVZ sind im Zentrum des Schweizer Asylwesens. In ihnen entscheidet sich das Schicksal der Asylsuchenden in unserem Land. Nirgendwo sonst kam man so gut nachvollziehen, wie das Asylgesetz umgesetzt wird. Hier sprechen die Fakten, nicht die Fantasievorstellungen und Vorurteile. Das merkt man auch daran, dass die ständigen Neuerungen in der Asylgesetzgebung einen direkten Einfluss auf den Alltag in diesen Zentren haben. Um nur ein Beispiel zu nennen: Im Frühling 2006 ist die neue Asylverordnung des Bundes in Kraft getreten, mit der sich die maximale Aufenthaltsdauer von 30 auf 60 Tage verdoppelt. Allerdings sind bei der Unterbringung der Asylsuchenden keine entsprechenden Anpassungen gemacht worden, was dazu geführt hat, dass sich die ohnehin schwierigen Bedingungen in den Auffangzentren noch verschlechtert haben. Zumal ursprünglich nur ein zwei- bis fünftägiger Aufenthalt vorgesehen gewesen ist.
Ich habe mich entschieden, das EVZ in Vallorbe an der Grenze zu Frankreich zu dokumentieren. Dieses Zentrum ist am 13. November 2000 eröffnet worden und hat bis heute fast 40'000 Menschen beherbergt. Ein Drittel der Asylsuchenden, die in die Schweiz kommen, landet in Vallorbe. Das heisst pro Woche klopfen dort 50 bis 70 Personen an die Türe und bitten um Asyl.
DAS GRAND HÔTEL IN VALLORBE
Das EVZ in Vallorbe ist ein spartanisches, aber imposantes Gebäude, ausgestattet mit Überwachungskameras und umgeben von hohen Stacheldrahtzäunen. Nur befugte Personen (Asylsuchende, Personal, Lieferanten etc.) haben Zutritt zum Zentrum, das rund um die Uhr von Sicherheitskräften bewacht wird, die von ihrer Loge im Eingangsbereich das Hoftor kontrollieren. Für jemanden, der an Freiheit und Selbstbestimmung gewöhnt ist, erinnern diese Vorrichtungen unweigerlich an ein Gefängnis.
Früher war das anders, denn das stattliche Gebäude war ursprünglich ein Luxushotel, finanziert von englischen Geldgebern und 1896 fertiggestellt. Im gleichen Jahr wurde Vallorbe an die Stromversorgung angeschlossen. Im Jahr 1954 kaufte der Bund das Gebäude und wandelte es in eine Militärkaserne um.
Der Bau liegt ganz in der Nähe des Bahnhofes am Waldrand, abseits der alten Festung. Das EVZ in Vallorbe ist übrigens das einzige in der Schweiz, das dermassen abgelegen ist. Wenn man den Gleisen ein bisschen weiter folgt, führt ein Eisenbahntunnel direkt ins benachbarte Frankreich.
Der Mont d’Or-Tunnel wurde zwischen 1910 und 1915 von Hunderten von italienischen Arbeitern gegraben. Die Italiener waren alle in demselben Viertel untergebracht, das schon bald “Negerdorf“ genannt wurde, weil die Arbeiter immer schwarz vor Staub aus dem Tunnel zurückkamen.
Ab und zu macht sich ein Asylsuchender zu Fuss auf den Weg durch den Tunnel, um die Grenze zu passieren und im EVZ um Asyl zu bitten. Bei den Kriegsveteranen weckt das alte Erinnerungen: Im Juli 1941 wurde der Tunnel von den Deutschen zugemauert. Einem deutschen Deserteur gelang es, eine Öffnung in die Mauer zu schlagen und in die Schweiz zu fliehen. Auch jüdische Flüchtlinge nutzten diesen Durchgang zur Flucht, wurden aber von den Schweizer Soldaten, die in der Kaserne stationiert waren und am Tunnelausgang warteten, wieder zurückgedrängt.
Ein Schandfleck in der Landschaft
Der Beschluss von Bern, die ehemalige Kaserne in ein Auffangzentrum für Asylsuchende umzuwandeln, hat bei der Vallorber Bevölkerung grossen Unmut ausgelöst. Die GegnerInnen befürchteten, dass die AusländerInnen “ihren Fluss“, die Orbe, verschmutzen würden und sagten, dass sie lieber Soldaten hätten, die seien “diskreter, würden putzen und rapportieren”. Das “Hôtel du dessus”, wie es von den alteingesessenen VallorberInnen genannt wird, ist schnell zu einem Schandfleck in der lokalen Umgebung geworden.
Obwohl das Gebäude diskret und dezentral liegt, wird es nach wie vor gehasst und vielfach kritisiert. Seit das EVZ seine Tore geöffnet hat, verfolgen die DorfbewohnerInnen den Zustrom der etwa 60 Asylsuchenden pro Woche mit argwöhnischen Blicken. Viele sind entrüstet über die AusländerInnen, die sich in der warmen Bahnhofshalle aufhalten und der Bahnstation ein armseliges Äusseres verleihen. Immerhin hält doch der TGV auf seinem Weg von und nach Paris in Vallorbe.
Man muss allerdings erwähnen, dass sich hier 2005 eine Tragödie abgespielt hat, welche die Gemüter noch heute bewegt. Ein älterer litauischer Asylbewerber stieg in Vallorbe in den Zug und stach mit einem Messer auf drei Passagiere, darunter eine schwangere Frau, ein. Um dem Gefühl der Unsicherheit in der Bevölkerung entgegenzuwirken, hat der Gemeinderat daraufhin mehrmals vergeblich gefordert, das EVZ zu schliessen oder wenigstens die Ausgangserlaubnis für die AsylbewerberInnen einzugrenzen.
Die Situation hat sich inzwischen etwas entspannt, da die Region unter der wirtschaftlichen Rezession leidet und das EVZ zu einem wichtigen Auftraggeber für mehrere lokale Unternehmen sowie Arbeitgeber für einige Dutzend EinwohnerInnen geworden ist. Ein paar DorfbewohnerInnen, die der ökumenischen Kirche nahe stehen, haben die ARAVOH gegründet (Association auprès des Requérents d’Asile à Vallorbe, Oecuménique et Humanitaire), eine Vereinigung, deren Mitglieder den Asylsuchenden einen winzigen Raum gleich neben dem Bahnhof zur Verfügung stellen und dort Kaffee ausschenken und rechtliche Unterstützung anbieten, alles auf freiwilliger Basis.
Das EVZ ist das ganze Jahr rund um die Uhr geöffnet. Fast 90 Mitarbeitende sind nötig, um den unaufhörlichen Flüchtlingsstrom aufzufangen. Das Personal setzt sich aus fünf Kategorien zusammen: den MitarbeiterInnen des Bundesamtes für Migration, zuständig für die Anhörungen (23 Personen), den VertreterInnen der Hilfswerke (10 Personen), den BetreuerInnen (22 Personen), den Securitas-MitarbeiterInnen (19 Personen) und den Geistlichen (4 Personen). Um die Sicherheit und die Anonymität der EVZ-Mitarbeitenden zu gewährleisten, werden alle nur mit dem Vornamen angesprochen: Herr Claude von der Securitas oder Frau Estrella von der Betreuung.
Im EVZ pulsiert ein intensives, brodelndes Gemeinschaftsleben. Sobald man aber das Gebäude verlässt, wirkt es wieder wie ein geheimer, hermetisch abgeriegelter Ort am Rande der Welt. Für die Vallorber Bevölkerung ein Objekt der Angst, oft auch der Feindseligkeit. Für einige handelt es sich um ein Hotel, in dem die Gäste nichts tun müssen und alles kriegen. Für viele MenschenrechtsaktivistInnen ist es ein spezieller Ort, eine Mischung aus Gefängnis und Ausschaffungslager. Für alle verhüllt jedoch ein Schleier aus vagen Vorstellungen das Gebäude, grad so wie sich der Nebel regelmässig über das Dorf legt.
Noch nie zuvor ist in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum gefilmt worden. In der Regel werden die Kameras immer schön auf Distanz gehalten. Ein Empfangszentrum ist wie ein schwarzes Loch in den Asyldebatten, obwohl sich dort das Schicksal von Zehntausenden von Männern, Frauen und Kindern entscheidet. Die gegenwärtige Polarisierung im Flüchtlingswesen ist für mich der Auslöser gewesen, dieses schwarze Loch zu beleuchten, diese Lücke zu füllen und damit neue Wege zu öffnen.

Empfangs- und Verfahrenszentren
Wer in der Schweiz Asyl beantragt, muss dies in einem der fünf Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ) tun, die der Bund an den Grenzüber-gängen eingerichtet hat: in Altstätten (SG), Basel (BS), Chiasso (TI), Kreuzlingen (TG) oder Vallorbe (VD). Während maximal 60 Tagen warten die Asylsuchenden auf den Entscheid des Bundesamtes für Migration (BFM). Ihr Aufenthalt in den EVZ gleicht einer Halbgefangenschaft unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und mit einem minutiös geregelten Tagesablauf.




