Auf der Suche nach dem Gleichgewicht
Die Securitas-MitarbeiterInnen sind die ersten Kontaktpersonen im Zentrum. Niemand kommt durch die Türe, ohne an ihrem kleinen, gepanzerten Schalter gemeldet zu werden. Die Securitas-MitarbeiterInnen sind dafür zuständig, jeden neuen Asylsuchenden zu registrieren. Sie müssen darauf achten, dass nicht das kleinste Indiz übersehen wird, dass den BundesbeamtInnen Hinweise über das Leben, die Herkunft oder die Reise des Flüchtlings geben und damit für die Asylentscheidung hilfreich sein könnte. Jeder, der das Gebäude betritt, wird von den Sicherheitskräften genau durchgecheckt. Nach jedem Ausgang werden die Asylsuchenden durchsucht und alles verbotene Material wird konfisziert oder protokolliert: Fotoapparate, Mobiltelefone, Nagelklemmen, Stifte, Nahrung, Getränke und natürlich Waffen und Drogen.
Alle Aktivitäten im Zentrum werden rund um die Uhr von den MitarbeiterInnen des Sicherheitsdienstes überwacht. Sie müssen Ordnung und Disziplin sicherstellen. Eine delikate Aufgabe, die sie gemäss den Anordnungen ihres Chefs ausführen. Ein Chef mit viel Erfahrung, der auf Mediation setzt. Seine Philosophie lässt sich mit einem Satz umschreiben: Die ständige Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Machtausübung und Kommunikation. Denn die Situation ist heikel. Der Umgang mit den Asylsuchenden darf nicht zu freundschaftlich sein, sonst wird man von ihnen vereinnahmt. Er darf aber auch nicht zu autoritär sein, sonst reagieren sie mit Wut und Widerstand. Dies umso mehr, weil Spannungen häufig sind und die Nerven der Leute blank liegen.
Trotz aller Bemühungen um Eintracht und Frieden ist die Gewalt immer latent vorhanden. Als Angestellte einer privaten Sicherheitsfirma haben die Securitas-MitarbeiterInnen allerdings nur beschränkte Machtbefugnisse. Ausserhalb des Zentrums ist die Polizei zuständig.
Herr Claude, Leiter des Sicherheitsdienstes
"Hier bin ich das ganze Jahr über in den Ferien. All diese Einwanderer, das ist ein Mikrokosmos mitten in meinem Dorf. Ich führe ein anderes Leben, sehe die Dinge anders. Was ich hier lerne, kann ich auch zu Hause anwenden. Wenn mein Sohn Nike-Schuhe für 200 Franken möchte, erzähle ich ihm von den Kindern im Zentrum, die mitten im Winter mit Flipflop an den Füssen und ohne Gepäck ankommen.
Ich wohne in Vallorbe. Anfangs bin ich angepöbelt worden. Ich habe den Leuten gesagt, sie sollen erst mal ins Zentrum kommen und schauen, bevor sie ein Urteil fällen. Wir haben hier nicht nur Kriminelle. Es gibt schon welche, aber man darf nicht einfach alles vermischen. Wenn sie sagen “Asylsuchender“, dann haben sie schon alles gesagt. Sie sind schreckliche Rassisten. Der Bürgermeister vertritt eine klare Meinung: er will das Zentrum schliessen. Es ist ihnen egal, dass die lokalen Geschäfte und Handwerker vom Zentrum profitieren. Die 200 Asylbewerber bringen ganz schön Geld ins Dorf.
Man muss die Menschen gern haben, um hier arbeiten zu können. Rassisten, und wir haben schon rassistische Mitarbeiter gehabt, bleiben nicht lange. Entweder gehen sie von selbst oder ich schmeisse sie raus. Erst letztens haben wir einen gehabt. Bei jeder Durchsuchung war eine Schlägerei vorprogrammiert.
Früher habe ich in einem Gefängnis gearbeitet. Hier ist es besser. Die Kontakte bereichern einen mehr. Gut, manchmal ist diese menschliche Seite auch mühsam, weil ich nicht immer in der Lage bin, die Situation zu klären. Einen Konflikt regeln heisst für mich nicht, jemanden mit Gewalt da rauszuholen. Gewalt habe ich nicht gern. Wenn es zwischen zwei Leuten Streit gibt, bitte ich sie, mit mir raus zu gehen. Ich trenne die beiden und gehe mit jedem einzeln eine Zigarette rauchen und reden. Danach konfrontiere ich sie wieder miteinander. In den meisten Fällen wirkt das.
Das ist meine Art, die Dinge zu sehen und das verlange ich auch von meinen Kollegen. Das heisst nicht, dass wir nie physisch eingreifen, aber es kommt selten vor. Doch wenn es nötig ist, dann machen wir es. Wir müssen uns durchsetzen. Das Kräfteverhältnis muss klar sein. Von Anfang an muss den Asylbewerbern klar sein, dass wir hier bestimmen, nicht sie. Danach entspannt sich die Situation.
Hier ist das Leben hochkonzentriert. Draussen bräuchtest du ein Jahr, um das zu erleben, was hier an einem Tag passiert. Wir sind wie in einem Film. Ich erlebe Konflikte, die es draussen nicht geben würde, aber ich erlebe auch sehr schöne Geschichten. Vor kurzem wollte sich einer auf die Eisenbahnschienen hier in der Nähe legen. Wir haben eine Stunde zusammen geredet und er ist im Zentrum geblieben. Wenn man einen verzweifelten Menschen dazu bringt, wieder Halt zu finden, ist das eine persönliche Befriedigung.
Seit den letzten Abstimmungen ist das Leben im Zentrum härter geworden. Die Asylsuchenden bleiben 60 Tage, es gibt viele Spannungen. Für sie und für uns. Was neu ist, sind die allgemeinen Streitereien, richtige Explosionen. Das war früher sehr selten. Konflikte zwischen zwei Ethnien ja, aber nichts Ernstes. Jetzt gibt es diese allgemeinen Streitereien in allen Schweizer Zentren. Das ist ihre Art, Druck abzulassen. Man merkt es sofort. Die Leute schauen sich anders an. Alle sind auf der Lauer. Die Atmosphäre ist angespannt."
Herr Sébastien, Securitas-Mitarbeiter
"Eigentlich habe ich Berufsmilitär werden wollen. Aber dann ist die “Armee XXI“ gekommen, und habe ich mich bei der Polizeischule und bei der Securitas beworben. Die Securitas hat zuerst reagiert.
Anfangs habe ich Runden gedreht, aber davon habe ich bald genug gehabt, weil nie was passiert ist. Gut ich habe noch Fussball gespielt. Aber einmal pro Woche, das ist nicht viel. Ich liebe das Unerwartete. Je härter, desto besser. Wenn ich mit Konfliktsituation umgehen muss, kann ich Erfahrungen sammeln. Ich ermuntere niemanden, aber wenn irgendwo ein Streit losgeht, dann bin ich da! Bevor ich hier im Zentrum angefangen habe, habe ich nur verbale Streitereien gekannt. Hier habe ich meine Grenzen kennengelernt.
Früher haben die Sicherheits-Mitarbeiter die Zimmerverteilung übernommen. Unsere Strategie war Folgende: Nie zwei Kumpels im selben Zimmer. Wenn du einem im dritten und einen im vierten Stock unterbringst, brichst du die Gruppe auseinander und verhinderst damit schwierige Situationen. Ein Asylsuchender alleine macht selten Probleme. Wenn aber zwei oder drei zusammen sind, fühlen sie sich wie die Könige und wollen dir zeigen, dass sie stärker sind als du. Fragst du sie dann nach ihren Papieren, antworten sie: „Die gebe ich dir nicht!“ Das sind Rebellen.
Wenn ein Asylsuchender was loswerden muss, okay, dann soll er reden. Sie kommen oft zu uns und diskutieren und diskutieren und diskutieren. Das Problem ist, dass sie am nächsten Tag denken die Distanz aufgehoben ist und dass wir Freuden sind. Aber nein, wir sind hier zu arbeiten und wir müssen uns respektieren.
Das hier ist ein Empfangszentrum, wir durchsuchen die Leute. Das hört sich ganz nett an als Arbeit, aber oft wird übersehen, dass es ganz schnell Ärger geben kann. Jedes Mal, wenn ich eine Person durchsuche, gehe ich vom Schlimmsten aus. Ich will damit nicht sagen, dass die Person schuldig ist, aber im Kopf sage ich mir: „Mmm … Achtung!“ Nehmen wir mal an, er hat ein Messer in seinem Strumpf versteckt und ich merke das. Dann wird er es ganz schnell packen und zustechen. Vielleicht passiert heute Abend was, vielleicht morgen oder heute Nacht. Genau das liebe ich an dieser Arbeit. Es kann einfach irgendwann passieren. Wer eine Uniform trägt, ist eine Zielscheibe, wir kommen zuerst dran."


"Je weniger ich kämpfe, desto besser geht es mir."

"Aber man muss wachsam bleiben, es ist ein gefährlicher Job."
