FR | DE | EN

Ein seltener Hoffnungsschimmer

Vier Geistliche, katholische und protestantische, wechseln sich im EVZ ab. Sie dürfen sich nur in einem kleinen Teil des Gebäudes bewegen. In die Schlafräume dürfen sie nicht, auch nicht, wenn jemand das Bett hüten muss.

Obwohl die Hälfte der Asylsuchenden Moslem sind, ist die Anwesenheit der Geistlichen einer der wenigen Hoffnungsschimmer in dieser Situation der Verzweiflung und Ratlosigkeit. Anfangs haben die Geistlichen versucht, die BeamtInnen des BFM auf besonders schwere Fälle hinzuweisen. „Das ist nicht euer Problem“, hiess es dann.

Die Asylsuchenden können die anwesenden SeelsorgerInnen ohne Voranmeldung aufsuchen. Diese nehmen sich Zeit, ihnen zuzuhören - respektvoll und vertraulich. Sie wissen, wie wichtig es für Not leidende Menschen ist, reden zu können. Die Geistlichen bereiten sie auf ihre Anhörung vor und übergeben ihnen eine Broschüre über das Asylverfahren und das Asylgesetz. Oft müssen sie Asylsuchenden beistehen, die einen negativen Asylentscheid erhalten haben. Sie vermitteln zwischen den Hilfswerken, den Vereinen für die “Sans-Papiers“ oder dem Service d'Aide Juridique aux Exilé-e-s (SAJE) in Lausanne. Die Geistlichen sind der Ansicht, dass das BFM ihre Arbeit nur mässig schätzt und ihnen immer wieder Steine in den Weg legt, so dass sie ihre humanitäre Mission nur begrenzt ausüben können.


Pierre-Olivier, protestantischer Geistlicher

"Meine Gemeindemitglieder fragen mich nicht oft nach dem, was im Zentrum passiert. Ich habe auch Mühe darüber zu reden. Ich habe ja schon Mühe, meiner Frau zu erzählen, was ich hier erlebe. Wenn ich nach Hause gehe, frage ich mich, wie ich das mitteilen soll. Das ist sehr schwierig. Ich halte das nur aus, weil ich trotz allem an das Leben glaube. Ich denke, dass diese Schicksale einen Sinn haben. Ich habe das Leben nirgendwo anders so intensiv gespürt wie an diesem Ort.

Die Menschen, die hierher kommen, sind tief gefallen. Sie kommen mit der Idee in einem Gebäude der Vereinten Nationen oder des Roten Kreuzes aufgenommen zu werden. Nach allem was mit ihnen passiert ist, haben sie das Gefühl als Schiffbrüchige an Bord genommen zu werden. Sie sagen zu mir: „Ihr seid hart. Trotz allem was wir erlebt haben, werden wir hier nicht aufgenommen. Die Schweiz ist ein hartes Land.“ Sie kommen in ein Auffanglager, in grosse Schlafsäle, sie werden mit versteckter Gewalt und mit Rassismus konfrontiert. Wenn sie den Nichteintretensentscheid erhalten, ist das wie ein K.o.-Schlag. Sie fühlen sich verspottet und geohrfeigt.

Im Grunde dient die ganze Maschinerie dazu, die Immigration einzugrenzen. Egal was diese Menschen erlebt haben, egal was sie erzählen, Drohungen, Folter, all das macht sie nicht zu rechtmässigen Asylbewerbern. Sie erhalten einen Nichteintretensentscheid, weil sie aus einem “sicheren“ Land kommen. Kongo, Kosovo, Nigeria, das sind alles Länder, in denen das Leben nicht viel wert ist, wenn man zur falschen Seite gehört. Wenn jemand von dort kommt, hat er hier keine Chance. Es ist hart, ihre Geschichten zu hören und zu wissen, dass auch sie durch diesen Dschungel der Bürokratie durch müssen.

Wir sind in der gleichen Situation wie 1942, als man die Leute hier an der Grenze wieder zurückgeschickt hat. Aber wenn man die Grenzen öffnen würde, gäbe ich dieser Festung keinen Tag. 1942 muss die Situation für die Leute ähnlich gewesen sein. Lassen wir sie rein, ist es für uns gelaufen. Wer kann schon sagen, wer Recht und wer Unrecht hat? Die Situation auf dieser Welt, mit den Reichen auf der einen und den Armen auf der anderen Seite, ist einfach tragisch.

Wenn sich ein Drama wie in Kosovo abspielt, nehmen wir massenweise Asylsuchende auf. Das Problem kommt erst später. Was machen wir mit ihnen? Aber darf man sie aufnehmen und dann mit Gewalt wieder in ein Leben zurückschicken, das kein Leben mehr ist? Heute ist die Situation in Kosovo nicht viel besser als während des Krieges. In einer Anwandlung von Mitgefühl nehmen wir die
Asylsuchende in einer Krisensituation auf, aber dann ist fertig.

Aber es ist eben nicht fertig. Ich habe die Rechte nicht gern und kann die SVP nicht leiden. Aber wenn ich diese Angelegenheit auf meine Weise regeln würde, wäre das gar nicht machbar. Deshalb bin ich der Rechten und der SVP dankbar, dass sie stopp sagen. Man muss verschiedene Standpunkte akzeptieren können. Und vielleicht gelingt es zusammen, die Dinge so zu regeln, dass möglichst wenig Schaden entsteht."

 

 

forteresse_main

 

 

 

 

 

 

forteresse_aumonier
"Ich habe das Gefühl, in einer Festung zu leben, in die niemand mehr hineingelassen wird."