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Putzende PsychologInnen

Die BetreuerInnen der ORS AG übernehmen einen grossen Teil der täglichen Unterhaltsarbeiten und der Mahlzeiten. Im Bedarfsfall springen sie auch ein, wenn es eine/n ÜbersetzerIn, eine/n KrankenpflegerIn oder eine/n SozialarbeiterIn braucht. Sie begleiten die Asylsuchende in ihrem Alltag im Zentrum, ohne das Asylverfahren und den Inhalt der gesetzlichen Bestimmungen wirklich zu kennen. Regelmässig befinden sie sich in der ungemütlichen Lage, als Puffer zwischen der Behörde und den Asylsuchenden zu fungieren.

Ihre Arbeit ist schwierig und manchmal aufreibend, denn jeder Tag birgt viel Emotionen und Unvorhergesehenes. Ständig möchte jemand etwas von ihnen, immer sind sie unter Druck und die meiste Zeit verbringen sie damit, irgendeine Panne beheben zu müssen. Die Aufgaben werden nicht fix zugeteilt, jeder plant seinen Tagesablauf selber, übernimmt hier eine medizinische Beratung, putzt dort ein Zimmer oder hilft in der Küche.

Die meisten von ihnen sind AusländerInnen, GrenzgängerInnen oder AbenteurerInnen, die im Ausland gelebt haben. Sie haben keine spezielle Ausbildung, sondern werden aufgrund ihrer Vielseitigkeit, ihrer Sprachkenntnisse und ihren Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen ausgewählt. Wenn man ihnen zuhört, stellt man fest, dass sie eine ungewöhnlich enge Beziehung zu den Asylsuchenden haben. Diese “putzenden Therapeuten“, wie sich einer von ihnen ironisch bezeichnet, schwanken zwar ständig zwischen Misstrauen und Mitgefühl, aber sie erledigen ihre Aufgabe mit Überzeugung. Ihnen ist durchaus bewusst, dass sie eine spezielle Funktion ausüben, und sie bezeichnen ihre Arbeit gerne als humanitär.


Herr Pierre-Alain, Leiter Betreuungspersonal

"Ich habe Rechtswissenschaften studiert und bin Kriminologe. Im Gemeinderat bin ich zuständig für das Polizeiwesen. Bevor ich hierher gekommen bin, habe ich als Sicherheitsverantwortlicher bei einem grossen Unternehmen gearbeitet, aber nicht mehr sehr motiviert. Als ich meiner Mutter gesagt habe, dass ich mich für diesen Job beworben habe, hat sie laut gelacht! Was die Immigration angeht, sind meine Einstellungen eher ziemlich rechts und ich unterstütze diese ganze Asylgeschichte nicht wirklich. Aufgrund meiner Erfahrungen als Polizist sehe ich die Asylsuchenden eher als Kriminelle. Ich bin selber erstaunt, dass ich jetzt hier arbeite.

Ich habe vor einem Monat angefangen und die Runde durch alle EVZ in der Schweiz gemacht. Mein erster Eindruck ist, dass das, was gewisse Parteien und Medien über den Asylmissbrauch vorbringen, nicht so falsch ist. Die Immigration bringt Probleme mit sich. Diejenigen, die wirklich Asyl bräuchten, haben gar nicht die Mittel, zu uns zu kommen, während die, die hierher kommen, keinen Schutz brauchen. Sie wissen, dass sie kaum eine Chance haben, Asyl zu kriegen. Für sie ist das nur eine Möglichkeit, billig zu wohnen und zu essen. Man merkt das auch daran, dass es in der kalten Jahreszeit mehr Asylgesuche gibt. Wir haben Leute, die von unserem System profitieren wollen. Es wäre besser, ihnen in ihrem eigenen Land zu helfen, statt ihnen die Illusion zu geben, sie könnten hier leben.

Ich möchte meine Arbeit hier trotzdem gut zu machen. Das Problem ist, dass die Asylsuchende
kein Verantwortungsgefühl mehr haben. Sie sind wie Kinder, die aus lauter Langeweile Blödsinn machen. Ich möchte gerne etwas organisieren, damit sie zum Beispiel Sport machen können oder aktiver bei den Hausarbeiten mithelfen. Auch die Kinder möchte ich gerne beschäftigen und mit ihnen Ausflüge machen, damit sie die Umgebung ein bisschen kennenlernen. Wenn sie eine Beschäftigung haben, werden sie sich nützlich fühlen und müssen ein bisschen Verantwortung übernehmen. Das wird ihnen das Gefühl geben, geschätzt zu werden und in einer Gemeinschaft zu leben. Ausserdem möchte ich der Gemeinde vorschlagen, dass sie Asylsuchende für Arbeiten einstellen, die dem Gemeinwohl dienen. Damit würde sich die Beziehungen zwischen den DorfbewohnerInnen und den Asylsuchenden sicher bessern. Ich schätze die militärische Disziplin und erwarte diese Disziplin auch von meinen Mitarbeitern, um die Projekte umsetzen zu können.

Ich bin in der Schweiz geboren, aber meine Eltern sind italienische Immigranten. Mein Grossvater hat als Saisonier in einem Barackenlager gelebt. Ich fühle mich eher als Schweizer denn als Italiener. Die Italiener sind in die Schweiz gekommen, um zu arbeiten, nicht um Asyl zu suchen. Ausserdem haben sie sich schnell integriert, weil ihre Kultur der Schweizer Kultur sehr ähnlich ist. Heute ist das nicht mehr der Fall. Wenn hier ein Ehepaar zusammen Einkäufe macht, trägt der Mann die Taschen nach Hause. In anderen Kulturen ist das genau umgekehrt. Und das schockiert."


Frau Estrella, Betreuerin

"Im August arbeite ich drei Jahre im Zentrum. Ich gehöre zu den Alten, habe Erfahrung. Manchmal ist es hart, zu hart, hier zu sein. Anfangs bin ich zu sehr eine “Mutter Theresa“ gewesen. Wenn ich nach Hause gegangen bin, ist mir fast der Kopf geplatzt. Meine Kollegen haben zu mir gesagt, dass ich den Asylsuchenden zu viel geben würde. Aber die Armen haben mir auch viel gegeben. Wenn ich allen hätte helfen können, ich hätte es gemacht. Nach und nach habe ich gelernt zu unterscheiden, wer nur profitieren will. Um sich selber zu schützen, wird man härter. Aber ich habe immer noch ein offenes Ohr für diejenigen, die wirklich alleine und unglücklich sind.

Ich bin Ausländerin. 1991 bin ich in die Schweiz gekommen. Ich habe keine Ausbildung und 14 Jahre in einer Fabrik gearbeitet. Ich bin nicht gerne eingesperrt, ich bin lieber unterwegs und rede. Ich liebe den Kontakt zu den Leuten, das gefällt mir hier im Zentrum. Man trifft wundervolle Menschen. Sie sagen dir, dass es schwierig ist. Irgendwo verstehe ich sie, denn für mich ist es auch schwierig gewesen, als ich in die Schweiz gekommen bin. Ich habe die Sprache nicht gesprochen. Wenn ich ausgegangen bin, habe ich immer das Gefühl gehabt, dass mich alle komisch anschauen. Für die Asylsuchenden ist es auch schwierig in diesem Land. Vielleicht ist es das, was mich bei ihnen berührt.

Alle meine Verwandten leben in Portugal. Ich bin geschieden und habe hier nur meine zwei Kinder. Das Zentrum ist eine Familie, die sich dauernd verändert. Aber man gewöhnt sich schnell an die Neuankömmlinge. Man gibt ihnen, was man kann. Manchmal tut es weh, weil ich jemanden gerne gekriegt habe. Dann fällt der Abschied nicht so leicht. Aber mit der Zeit, kann man damit umgehen. Man weiss, einer geht, dafür kommt ein anderer, den man dann kennenlernt. Das Spezielle ist, dass man immer wieder mit anderen Menschen Bekanntschaft macht.

Ich könnte mich jede Woche dreimal verheiraten! Es gibt immer einen, der mir eine Liebeserklärung macht. Mit der Zeit wird man bestimmter, man kann besser nein sagen, wenn es nötig ist. Am Anfang habe ich mir den nötigen Respekt nicht verschaffen können. Inzwischen sage ich nein, und wenn sie insistieren, dann habe ich irgendeine überzeugende Erklärung.

Bei den Kleidern sind die Afrikaner sehr anspruchsvoll. Oft wollen sie unsere Sachen nicht, obwohl sie Kleider brauchen. Sie beklagen sich, aber sie wissen nicht, dass es für sie draussen noch viel schwieriger sein wird. Hier im Zentrum kriegen sie wirklich alles. Ich kann einen richtigen Flüchtling von einem falschen unterscheiden, wenn ich sehe, wie er sich im Umkleideraum benimmt. Ein Flüchtling, der wirklich nichts hat, wird für alles dankbar sein. Die anderen schauen sich ein Kleidungsstück erst genau an und nehmen es nur, wenn es ein Markenartikel ist.

Ich denke, dass meine Arbeit wichtig ist, weil ich Menschen helfe. Sogar Zimmer putzen ist wichtig. Es ist wichtig, dass Asylsuchende
in einer sauberen Umgebung leben. Für mich ist diese Arbeit nicht schwierig, ich mache sie gerne. Ich frage nie. Ich spreche über das Wetter, aber ich frage sie nicht nach ihrer Vergangenheit. Ich rede auch nicht über Politik und Nationalitäten. Das ist die Aufgabe der Bundesbeamten."

 

 

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"Ich fühle mich mehr als Schweizer denn als Italiener."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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"Für mich sind sie wie eine Adoptivfamilie."